Gerlinde Reichert, meine Ehefrau

Liebevolles Portrait einer liebenswerten Frau, die ich nach 47 Jahren Ehe durch eine Krebserkrankung verloren hat. Hier das Hochzeitsbild vor der Kapelle des Heidelberger Schlosses.
Unsere Hochzeit 1968 im Heidelberger Schloss.

Sie hat mich 47 Jahre lang überallhin treu begleitet und nie gemosert, wenn´s abends spät wurde. Ich verdanke ihr viel. Ohne sie wäre ich nicht das geworden, was ich geworden bin.

 

Übersicht:

  • Vita
  • 47 gemeinsame Jahre
  • Ihr Wesen
  • Ihre Talente und Hobbys
    -   Malen
    -   Fotografieren
    -   Lesen
  • Ihr Glaube
  • Der Anfang vom Ende
  • Tod, Trauerfeier, Beerdigung
  • Ihr Grab im Jahresverlauf
  • Ihr Grab hier und heute
  • Wie geht es weiter

 

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Vita

  • geboren 1943 in Ludwigshafen/ Rhein, aufgewachsen in der Heidelberger Hauptstr. 79
  • Eltern Dr. med. dent. Martin Volkmer und Irene Volkmer geb. Bühler
  • 1946 Geburt von Schwester Marlies
  • Hölderlin-Gymnasium Heidelberg krankheitsbedingt bis Unterprima; Lieblingsfach: Kunst, dauerhaft Note "sehr gut", zweimal bei Jahresabschlussfeier belobigt für herausragende Leistungen.
    Mehr dazu
  • 8 Jahre lang Klavierunterricht am Staatl. Konservatorium Heidelberg
  • Ausbildung zur Elektroassistentin an der Staatlichen Ingenieurschule Mannheim im Auftrag und auf Kosten von BBC (heute ABB)
  • 1963 Staatsexamen (staatl. gepr. Elektroassistentin)
  • 1963 - 1968 Anstellungen bei
    -  BBC Stotz-Kontakt, Heidelberg
    -  II. Physikalischem Institut der Universität Heidelberg
    -  Teldix Luftfahrt-Ausrüstungs-GmbH, Heidelberg
  • 1968 Hochzeit mit Achim Reichert und Übersiedelung nach Köln
  • 1973 Geburt von Sohn Alexander in Nürnberg
  • 1985 Erkrankung von Sohn Alexander an Leukämie
  • 08.03.2015 Tod durch eine Krebserkrankung

Herzlichen Dank für 47 gemeinsame Jahre

Ich liebe meine Frau über alles, schätze sie sehr und bin ihr aus vielerlei Gründen dankbar. Ihr und dem Schicksal, das uns zusammengeführt hat. Obwohl sie zur gleichen Zeit lukrativere Alternativen gehabt hätte, hat sie sich für mich entschieden. Für mich, der ich noch nichts war und noch nichts hatte. Schon beim vierten Treffen, einen Monat nach unserem Kennenlernen, haben wir uns verlobt und ein halbes Jahr später geheiratet, noch bevor ich mit meinem Studium fertig war. Und ohne dass wir es „mussten“, wie unser Umfeld mutmaßte.

 

Nachdem ich dann promoviert war, hat sie mich ohne Murren zu allen Stationen meines beruflichen Werdegangs begleitet und nicht geschimpft, wenn es, wie so oft, abends spät wurde. Begünstigt durch eigene Berufsausbildung und –Erfahrung war sie für mich stets ein aufmerksamer und sachkundiger Gesprächspartner, wenn ich ihr abends vom Beruf erzählte. Als Hausfrau war ihr keine Mühe zu viel. Auf hohem Niveau hat sie für uns gekocht und gebacken. Ich habe viel von ihr gelernt für später, als ich krankheitsbedingt immer mehr Aufgaben von ihr übernehmen musste.

 

47 Jahre sind wir miteinander durch dick und dünn gegangen, wobei es an Tiefpunkten nicht gemangelt hat. Aus gesundheitlichen Gründen musste sie schon früh ihre eigene Berufstätigkeit aufgeben. Sieben Jahre war sie darin erfolgreich. Ihr Beruf als elektrotechnische Assistentin bedeutete ihr viel. Schließlich gehörte sie zu den ersten jungen Frauen, die ihre Ausbildung auf einer staatlichen Ingenieurschule mit einem Staatsexamen abschließen konnten, und die dafür hart arbeiten und sich in einer Männerwelt behaupten mussten. Gesundheitliche Probleme haben uns die ganze Ehe hindurch begleitet, allein zehn Krankenhausaufenthalte in den ersten Jahren. Letztlich haben sie auch dazu geführt, dass wir jetzt im heilklimatischen Kurort Bad Dürrheim leben, weit ab von unseren Geburtsorten und den Hauptorten meines Wirkens.

 

Noch härter traf es uns, als unser Sohn Alexander mit 11 Jahren an einer besonders aggressiven Form von Leukämie erkrankte und ums Haar daran gestorben wäre. Trotz ihrer eigenen gesundheitlichen Probleme hat sie ihn bei allen ambulanten und stationären Klinikaufenthalten begleitet. Mit viel angeeignetem Wissen, aufmerksamer Beobachtung und kritischem Hinterfragen aller Therapiemaßnahmen wurde sie eine respektierte Ansprechpartnerin für Ärzte und Pflegepersonal. Ich empfand es als großen Vertrauensbeweis, dass ihr die Ärzte schließlich sogar gestatteten, Alexander über einen bestehenden Herzkatheter bestimmte Infusionen zu Hause zu verabreichen und ihm damit zusätzliche Klinikaufenthalte zu ersparen. Nach seiner Genesung hat sie Alexander auch bei seinen Schularbeiten immer wieder unterstützt. Ihre Geduld hätte ich nicht gehabt, von fehlender Präsenz eigenen Schulwissens mal ganz abgesehen. Sie hat Alexander auch immer wieder dem Vater gegenüber verteidigt, wenn sie glaubte, er verlange zuviel vom Sohn.

 

Hier finden Sie eine kleine Sammlung von Bildern, welche Gerlinde Reichert zu glücklicheren Zeiten zeigen.

 

Ihr Wesen

 

Meine Frau liebte Harmonie und Romantik, Tiere und Pflanzen. Unter den Tieren mochte sie am liebsten Hunde, insbesondere große. Da es aus mehreren Gründen nicht zweckmäßig war, selbst welche zu halten, begnügte sie sich mit Stoffhunden. Unter den Pflanzen mochte sie alles, was blüht, insbesondere Orchideen.

 

Ihre Harmoniebedürftigkeit nahm in dem Maße zu, wie ihre Gesundheit und Belastbarkeit abnahm. Sie mochte dann auch keine Krimis mehr lesen und mied Fernsehprogramme, die laut Programmvorschau aufregend zu werden versprachen.

 

Kritik vermied sie, wenn irgend möglich - für viele Männer ein Traum. Folgerichtig wollte sie auch selbst nicht kritisiert werden. Sie sprach vorwiegend leise, ihre Formulierungen weich, mitunter diplomatisch. Dinge auf den Punkt zu bringen, anzuspitzen, auch mal Tacheles zu reden, war nicht ihr Stil. Vor Ausrastern jedweder Art war man bei ihr sicher. In ihrer Nähe fühlte man sich wohl.

 

Sie war stets loyal. Nie hat sie Dritten gegenüber zu erkennen gegeben, wenn sie mit mir mal unzufrieden war oder ihr bei mir etwas nicht gefiel. Auch mir gegenüber hat sie es höchstens zu erkennen gegeben, wenn sie sich über Kritik meinerseits geärgert hatte und damit sagen wollte, auch sie habe Anlass zur Kritik, mache davon aber keinen Gebrauch.

 

Meine Frau war ein sehr methodischer und in hohem Maße verlässlicher Mensch. Selbst mit guten Argumenten war es schwer, sie von etwas abzubringen, was sie schon immer so gemacht hatte. Damit zählte aber auch Pünktlichkeit zu ihren Stärken - ebenso für viele Männer ein Traum.

 

Kommunikation war nicht ihre Stärke; zudem neigte sie zu Understatement. Über Gefühle redete sie nicht gerne. Man musste ihr ansehen, dass es ihr gesundheitlich nicht gut ging; von sich aus gesagt hat sie es selten. Ihre Standardantwort war dann: "Es geht so". Unser Hausarzt konnte angesichts der katastrophalen Blutwerte ein Vierteljahr vor ihrem Tod und der anschließenden Diagnose überhaupt nicht verstehen, dass wir davon nichts früher bemerkt haben.

 

Als der Professor sie bei der letzten Chefarztvisite vor ihrem Tod nach ihrem Befinden fragte, sagte sie nur: "Heute nicht so gut" - für uns, die wir sie kannten, ein schlechtes Zeichen. Gaby, die sich auf der onkologischen Station liebevoll um das leibliche und seelische Wohl ihrer Patienten kümmerte, erinnerte sich bewundernd, dass meine Frau bis zuletzt nie geklagt hätte.

 

Als junge Frau hat sie sich gerne schick gekleidet und war dankbar, wenn ich mit ihr zusammen einkaufen war und ihr etwas Hübsches zum Anziehen gekauft hatte. Mit zunehmendem Alter hatte sie keinen Spass mehr daran; Hauptsache bequem und pflegeleicht.

 

Ihre Talente und Hobbys

Malen

Ein Beispiel vom Talent von Gerlinde Reichert zum Malen.
Silberdisteln, eine Ritzung von Gerlinde Reichert auf schwarz beschichtetem Karton.

Zum Malen besaß sie noch aus Schulzeiten außergewöhnliches Talent, ging aber leider sehr spärlich damit um. „Sehr gut“ war für sie auf dem Gymnasium Dauernote in Kunst, zweimal wurde sie für herausragende Leistungen bei der Jahresabschlussfeier ihrer Schule in der Heidelberger Stadthalle belobigt. Ein Bild von ihr schaffte sogar den Weg zur Weltausstellung in Brüssel; im deutschen Pavillon wurden u.a. Beispiele deutscher Schülerarbeiten gezeigt.

 

Es tut mir sehr leid, dass ich es nicht dauerhaft geschafft habe, meine Frau wieder zum Malen zu bringen. Ihre Malsachen habe ich nach ihrem Tod an ein aktives Mitglied der Neugründung "Kunstschaffende & Kunstfreunde Bad Dürrheim e.V." verschenkt.

 

Hier finden Sie weitere Gemälde von Gerlinde Reichert, die heute noch unsere Wohnung schmücken.

Fotografieren

Fotografieren; Fotos von Gerlinde Reichert. Ihre Spezialität waren Makroaufnahmen von Pflanzen und Tieren.
Großaufnahme einer Rhododendronblüte, im eigenen Garten fotografiert von Gerlinde Reichert.

Erheblich häufiger als Malen fotografierte sie. Und das mit häufig wechselnden Kameras. Da Rheuma sie plagte, suchte sie oft vergeblich einen guten Kompromiss zwischen Gewicht und Leistungsfähigkeit einer Kamera.

 

Ihre Spezialität waren Makroaufnahmen von Blüten und Tieren, womit sie in der Tat eindrucksvolle Ergebnisse erzielte.

 

Ihre Motive fand sie lange Zeit im eigenen Garten in Hamburg-Rissen.     Mehr dazu

 

 

Lesen

Lesen war eine große Leidenschaft von Gerlinde Reichert. Hier ein Blick auf unsere Wohnwand mit vielen ihrer Bücher.
Lesen war ihre ganz große Leidenschaft. Hier ein Blick auf unsere Wohnwand kurz nach ihrem Tod. Hinter der vorderen Reihe befanden sich noch viele weitere Bücher.

Lesen war ihre Leidenschaft. Es müssen wohl einige tausend Titel gewesen sein, die sie in ihrem Leben verschlungen hat. Und das ausschließlich im Bett. Ihre Eltern hatten nämlich Lesen als eine Art Müßiggang angesehen und sie mit häuslichen Arbeiten bedacht, wenn sie Gerlinde lesend angetroffen haben.

 

Über ihre Bücher konnte sie sich mitunter auch nach Jahren noch unterhalten. Sie galt als belesen und gebildet. So auch bei meinem Doktorvater, der auch ihre Fähigkeit, zuhören zu können, schätzte.
Mehr dazu

Ihr Glaube

Christi Himmelfahrt, Chorraumfenster der Providenzkirche in Heidelberg. Hieran machte Gerlinde Reichert ihr Gottesbild fest.
Chisti Himmelfahrt: Chorraumfenster der Providenzkirche (Fotograf: Manfred Schneider). Es hat das Gottesbild meiner Frau geprägt. Mit freundlicher Genehmigung des von der Kirchengemeinde beauftragten Fotografen.
Der Turm der evangelischen Providenzkirche in der Heidelberger Altstadt. In dieser Gemeinde wuchs Gerlinde Reichert auf.
Der Turm der evgl. Providenzkirche in der Heidelberger Altstadt (Fotograf: Alexander Reichert). Sie war Pfarrkirche der Gemeinde, in der Gerlinde Reichert aufwuchs und auf die sie von der elterlichen Wohnung aus guckte.



Meine Frau ist in der Heidelberger Hauptstraße 79, schräg gegenüber der evangelischen Providenzkirche, aufgewachsen und am 7. April 1957, also mit 14 Jahren, von Herrn Dekan Hauss dort konfirmiert worden. Hauss war befreundet mit Albert Schweitzer, Arzt, evgl. Theologe und Friedensnobelpreisträger. Ihr Konfirmationsspruch stammt aus Offbg. 2.10: "Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben." Bei seiner Traueransprache zum Tod meiner Frau hat Pfarrer Hasselbeck aus Bad Dürrheim - Oberbaldingen hieran angeknüpft.

 

Das Gesangbuch, in welches das Konfirmationszeugnis mit Unterschrift von Dekan Hauss eingetragen war, hatte ihr Ludwig Feige geschenkt in Erinnerung an den allzu frühen Tod seiner Tochter Hilde zwei Jahre zuvor, die Patin meiner Frau war und deren Namen sie als zweiten Vornamen trug.

 

Am 16. März 1968 hat uns der damalige Pfarrer K.H. Mann der Providenzkirche in der Kapelle des Heidelberger Schlosses getraut. Der Trauspruch war 1. Kor. 3.22/23 entnommen und lautete: "Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes."

 

Da ich als Katholik gemischt konfessionell geheiratet hatte, meine Frau auch mit mir darin übereinstimmte, dass es ihr als Protestantin nicht zuzumuten ist, spätere Kinder im katholischen Glauben zu erziehen, war ich nach damaliger Auffassung der katholischen Kirche exkommuniziert. Konsequenterweise bin ich kurze Zeit später aus der katholischen Kirche ausgetreten und am 4. August 1968 der evangelischen Landeskirche in Baden beigetreten. Die Zeremonie in der Providenzkirche Heidelberg vollzog o.a. Pfarrer Mann, bezeugt von den Kirchenältesten Tatjana Mann, seiner Frau, und Frau Bauknecht.

 

Gerlinde Reichert war eine sehr gottesfürchtige Frau. Im Glauben hatte sie ihre Großmutter mütterlicherseits geprägt. Von ihr hatte sie viele Psalmen übernommen. In ihren Gebeten dachte sie stets an das Chorraumfenster der Heidelberger Providenzkirche. So hat sie sich immer Gott in Form seines Sohnes Jesus Christus vorgestellt. Ihre Gebete waren ihr Privatissimum, über deren Länge und Inhalt sie auch mir gegenüber nicht bereit war, zu sprechen. An dieses Tabu gewöhnt, habe ich mich auch in ihrer letzten großen Erkrankung nicht mehr getraut, ihr jetziges Verhältnis zu Gott zu hinterfragen. Vielleicht habe ich damit eine große Chance vertan - eine meiner vielen quälenden Fragen nach ihrem Tod.

Der Anfang vom Ende

Es war ein Sonntagvormittag kurz vor Weihnachten 2014. Ausgerechnet Weihnachten, meiner Frau ihrer mit Abstand liebsten Zeit. Wie groß war 1967 ihre Erwartung an ihren künftigen Ehepartner, mit ihm harmonische Weihnachtsfeste zu feiern, was sie von zu Hause leider nicht kannte? Wie viele ihrer Bücher handelten gerade von dieser Zeit?


Als sich meine Frau kurz nach dem Frühstück wieder ins Bett legte und bis nachmittags schlief, läuteten bei Alexander und mir sämtliche Alarmglocken. So etwas hatte es noch nie gegeben. Den ersten Blutentnahmetermin des Hausarztes konnte sie schon nicht mehr wahrnehmen, so schwach war sie. Kurz nach dem Ersatztermin rief der Hausarzt dann an, meine Frau müsse sofort in die Klinik. Die Werte seien katastrophal.

 

Die Diagnose des Schwarzwald-Baar-Klinikums war niederschmetternd: Dickdarmkrebs mit einer weit fortgeschrittenen Metastasierung der Leber. Die Krankheit sei behandelbar, sagte man uns, aber nicht heilbar. Den ersten Block der Chemotherapie vertrug meine Frau gut, fast zu gut, müsste man rückblickend sagen. In der einwöchigen Pause zwischen erstem und zweitem Therapieblock geriet aber leider alles außer Kontrolle. Ihr Körper sprach auf die Therapie nicht mehr an, die Leberwerte wurden immer schlechter.

 

Weil die Leber nicht mehr imstande war, ihrer Entgiftungsaufgabe gerecht zu werden, wurde insbesondere das Gehirn angegriffen. Meine Frau konnte sich infolge dessen immer schwerer verständlich machen, was sie bestimmt als sehr quälend empfunden hat: Etwas sagen zu wollen, es aber nicht mehr zu können. Vielleicht sogar den Eindruck zu haben, die Angehörigen würden sich nicht genügend Mühe geben, die Sprachfetzen zu verstehen. Wie ein Wunder erschien uns da anfangs ein "Zaubertrunk", welcher der zunehmenden Vergiftung entgegenwirken sollte und es vorübergehend sogar schaffte, dass meine Frau wieder ganze Sätze bilden konnte.

 

Sehr zu unserem Leidwesen kam es ausgerechnet im Hospiz darüber später zu einer Art "Glaubenskrieg". Unter Berufung auf unseren Hausarzt setzte man das Mittel ursprünglich ab mit der Begründung, es würde inzwischen nicht mehr nützen. Auf unseren ausdrücklichen Wunsch hin zunächst wieder gegeben, setzte man es dann erneut ab mit der Begründung, es würde meiner Frau ihre Situation nur bewusster machen statt sie friedlich einschlafen zu lassen.

 

Im Klinikum hatte uns eine andere Art von "Glaubenskrieg" zu schaffen gemacht. Der ltd. Oberarzt hatte zugelassen, dass meine Frau essen und trinken dürfe, soweit ihr das bei ihrem Zustand noch möglich ist. Das Pflegepersonal war strikt dagegen mit der Begründung, wenn sie sich in ihrem Zustand verschlucken würde, könne sie das Verschluckte nicht mehr abhusten und daran ersticken. Es waren für mich bewegende Momente, wie meine Frau durch Berühren ihrer Lippen mit den von ihr so geliebten kernlosen blauen Trauben ihren Mund öffnete und sie ganz vorsichtig kaute. Sie konnte sie nur noch spüren; sehen konnte sie sie nicht mehr. Es war der Anfang vom Ende.

 

Ich stelle es mir furchtbar vor, seine Tage in dem Bewusstsein

verbringen zu müssen, dass es die letzten sein werden.

Dass man das nächste Frühjahr, das Zwitschern der Vögel

und das Blühen der Pflanzen nicht mehr erleben wird.

 

 

Weitere Zitate von Achim Reichert auf Aphorismen.de .

 

Um hier keinen falschen Eindruck zu erwecken: Die pflegerische Betreuung sowohl im Schwarzwald-Baar-Klinikum als auch im Hospiz hat höchstes Lob verdient. Neben der Pflege sind wir im Klinikum besonders dankbar dem ltd. Oberarzt Dr. Friedemann Köhler, der fachliche Kompetenz mit einem selten gewordenen Maß an Menschlichkeit paarte, für unsere Anliegen stets ein offenes Ohr hatte und sich dafür viel Zeit nahm, den Leiter des psychoonkologischen Dienstes, Herrn Dr. Hans-Peter Olma, Wegbereiter und Begleiter für die unvorstellbar schweren Stunden des irdischen Abschieds, und Schwester Gaby, die nicht nur Essenswünsche für Patienten erfüllte, die kaum noch etwas essen konnten, sondern auch unheimlich lieb zu meiner Frau war und ihr die Streicheleinheiten schenkte, für die das Pflegepersonal einfach keine Zeit hat.


Tod, Trauerfeier und Beerdigung


Vorwort zur Trauerkarte:

 

Wir hätten ihr ein längeres Leben,

zumindest einen gnädigeren Tod gewünscht.

Aber das Schicksal hat uns nicht gefragt.

 

Trauerkarte zum Tod meiner Frau im März 2015.
Trauerkarte zum Tod meiner Frau im März 2015.
Trauerfeier für Gerlinde Reichert am 17. März 2015 in Bad Dürrheim.
Bilder von der Trauerfeier am 17. März 2015 in Bad Dürrheim. Der Sarg ist geschmückt mit Blumen aus unserem Hochzeitsstrauß, rosa Rosen und weißen Fresien. Einen Tag zuvor wäre unser 47. Hochzeitstag gewesen.


Kranzschleifen


Es ist schwierig bis unmöglich, Kränze und Schleifen gleichermaßen scharf abzubilden. Daher hier die Beschriftung der Schleifen:


  • In ewiger Liebe und Dankbarkeit / Achim + Alexander
  • Ein letzter lieber Gruß / Deine Marlies und Peter
  • In liebevoller Erinnerung / Heidi und Bernd Scheel Hamburg
  • Stiller Gruß / Familie Scherz Nürnberg


Beschriftung im Kopf des Holzkreuzes:


Innig geliebt und unvergessen


Aus der Traueransprache des evgl. Pfarrers Dirk Hasselbeck:

(mit seiner Genehmigung zitiert)


"Die Bibelworte, die man zur Taufe, Konfirmation oder Trauung mit auf den Weg bekommt, können Begleiter werden. Und manchmal werfen sie auch ein Licht auf den eigenen Lebensweg. Der Konfirmationsvers von Gerlinde Reichert hat die Kraft, so ein Wort zu sein....." "Sei getreu bis an den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben:"


"Diesen Vers aus Offb. 2,10 erhielt Gerlinde Reichert zu ihrer Konfirmation am 7. April 1957 in der Providenzkirche in Heidelberg als Wegbegleiter. Für eine junge Frau, durch ihre Oma im Glauben geprägt, die zeitlebens durch Krankheiten massive Einschränkungen erlebt, ein herausfordendes und zugleich realistisches Wort: Sei getreu bis an den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben.


Das ist kein billiger Trost, kein: Es wird schon alles gut. Sondern die Ermutigung, im Glauben durchzuhalten. Sich auf Jesus gerade in der Not einzulassen, der Hilfe und Stütze sein will."


Das Grab von Gerlinde Reichert kurz nach der Beisetzung am 17. März 2015.
Das Grab von Gerlinde Reichert kurz nach der Beisetzung am 17. März 2015.

Zitate zu Krankheit und Tod meiner Frau:

  • "Das war immer eine so liebe Frau. Das hat sie nicht verdient."
    (Eine Nachbarin)
  • "Es schmerzt mich sehr. Ihre Gattin und Mutter war der Mittelpunkt Ihrer Familie. Sie war so herzensgut, gütig, geduldig und verständnisvoll."
    (Unsere Nürnberger Vermieterin)
  • "Treu und liebevoll - in gegenseitiger Achtung - hat Ihre kleine Familie zueinander gestanden und sich gegenseitig gestützt und unterstützt. Es wird sehr schwer sein, ohne den Mittelpunkt eine neue Balance zu finden."
    (früherer Kollege, ztw. Vorgesetzter, mit Gattin)
  • "Ich möchte Ihnen noch einmal zum Ausdruck bringen, wie sehr mich Ihre gemeinsame Familiengeschichte berührt hat. Randvoll mit Wertschätzung, Liebe, Hingabe und Fürsorge."
    (Pfarrer Dirk Hasselbeck, Evgl. Gemeinde Bad Dürrheim-Oberbaldingen, nach seiner Traueransprache in einer E-Mail an mich)
  • "Eine würdige Trauerfeier" (Unser jetziger Vermieter)

 

Ihr Grab  im Jahresverlauf


Ihr Grab zu schmücken ist wie eine Ersatzhandlung,

weil ich sonst nichts mehr für sie tun kann.

Das Grab von Gerlinde Reichert an Ostern 2015.
Ostern 2015. Die Kränze sind verwelkt. An einem Zweig Weidenkätzchen hängen ausgeblasene und bemalte Eier.
Das Grab von Gerlinde Reichert im Frühling 2015.
Frühling 2015: Osterglocken und Hyazinthen blühen. Der Weidenzweig umrankt das Holzkreuz. Ein kleiner Engel betet für Gerlinde.

Ein Engel betet für Gerlinde Reichert.
Die Blumenschalen quillen über vor Blüten. Nachts leuchtet eine solarbetriebene Laterne.
Das Grab von Gerlinde Reichert im Sommer 2015.
Sommer: Dipladenien unter dem Kreuz sowie Geranien und Gräser davor blühen.

Das Grab von Gerlinde Reichert am Ende des Sommers 2015.
Der Sommer geht zu Ende. Das Grab ist jetzt mit hellen Zementplatten eingefasst.
Das Grab von Gerlinde Reichert am Herbstanfang 2015.
Anfang Herbst: Volle Blütenpracht mit Gräsen, Geraniern, Gladiolen, fleissigen Lieschen, Erikas

Chrysanthemenbüsche in verschiedenen Farben, die leider schnell verblüht waren.
Chrysanthemenbüsche in verschiedenen Farben, die leider schnell verblüht waren.
Das Grab von Gerlinde Reichert am 23.Dezember
Das Grab einen Tag vor Heiligabend mit kleinem Weihnachtstännchen und kabelosen LED Kerzen; gesponsert von Schwester Marlies
Das Grab von Gerlinde Reichert an Allerheiligen 2015.
Das Grab an Allerheiligen 2015. Jetzt blühen nur noch verschiedenfarbige Erikas.
Das Grab von Gerlinde Reichert am 23. Dezember
Das geschmückte Weihnachtstännchen am 23. Dezember mit Kugeln, Wallnüssen, Sternen und kleinen Engeln und sogar schon mit LED Kerzen

Das Grab von Gerlinde Reichert an Heiligabend
Das Grab an Heiligabend mit beleuchtetem Weihnachtsbaum und Solarleuchte vorne.
Das Grab von Gerlinde Reichert am 24. Dezember
Der mit LED-Kerzen beleuchtete Weihnachtsbaum in Großaufnahme

Das Grab von Gerlinde Reichert am 17. Januar 2016
Das Grab am 17. Januar 2016 mit hohem Schnee bedeckt. Nicht einmal die Grablampe ist mehr zu sehen.
Das Grab von Gerlinde Reichert mit seinen Nachbargräbern tief im Schnee versunken.
Das Grab und seine Nachbargräber sind tief im Schnee versunken. Nur der von uns freigeschaufelte Weg und das Laternchen sind wieder zu sehen.

Das Grab von Gerlinde Reichert zu Ihrem Geburtstag am 14. Februar
Das Grab zum Geburtstag am 14. Februar 2016 mit Rosen und drei Grablichtern: von Schwester Marlies, Sohn Alexander und von mir. Per Klick vergrößerbar.
Das Grab von Gerlinde Reichert zu Geburtstag am 14. Februar 2016
Das bisherige Weihnachtsbäumchen zum Geburtstag am 14. Februar mit Rosen bestückt. Ebenso am 8. März, ihrem Todestag. Per Klick vergrößerbar.

Ihr Grab hier und heute


Das Grabmal von Gerlinde Reichert.
Das am 27. Juli 2016 errichtete Grabmal von Gerlinde Reichert in Groß. Zur weiteren Vergrößerung bitte zweimal auf das Bild klicken und dann zum gewünschten Bildausschnitt scrollen.
Das Grab am 01. November 2018
Das Grab am 01. November 2018 mit einem Allerheiligengesteck

Das Grabmal wurde vom Natursteinwerk Höcklin in Löffingen aus rötlichem Granit der Sorte "Indisch Aurora" gefertigt und am 27. Juli 2016 errichtet.

 

Als Vorlage für das Bild von Heidelberg diente ein Foto der Bildagentur Fotolia (Urheber: © eyetronic - fotolia.com - #89847521) sowie eine daraus erstellte Grafik von Sohn Alexander mit den Wesenszügen des Fotos. Von Alexander stammt auch die Idee für die Gestaltung des Grabmals.

 

Der Spruch oder das kleine Gedicht stammt von mir. Zum Verständnis: Der Neckar war unser Schicksalsstrom. In Heidelberg am Neckar haben wir uns 1967 kennengelernt und in einem Hospiz in Schwenningen, wo der Neckar entspringt, ist meine Frau 2015 verstorben. 

 

Wir wurden schon von etlichen Friedhofsbesuchern auf das Grabmal angesprochen. Eine liebe Nachbarin aus Hamburger Zeiten, mit der wir noch immer in engem Kontakt stehen, meinte nach einem Blick auf diese Bilder: "Nicht protzig, sondern von schlichter Schönheit."

 

Wie geht es weiter?

Das Grab von Gerlinde Reichert Anfang April 2015.
Sohn Alexander am Grab seiner Mutter (8.4.2015)

 

"Auch wenn ich krankheitsbedingt immer mehr Aufgaben von meiner Frau übernommen habe und im Haushalt daher alles den gewohnten Gang geht, die Küche nicht kalt, der Boden nicht schmutzig und kein Brief ungeschrieben bleibt: Unsere kleine Familie hat ihre Seele verloren! Das haben wir früh geahnt, jetzt wissen wir es."

 

Weitere Zitate von Achim Reichert auf Aphorismen.de

 

Es ist allzu natürlich, dass Sohn Alexander und ich den Tod unserer Frau und Mutter unterschiedlich verarbeitet haben.

 

Wenn Alexander nach ihrem Tod etwas sah, erlebte oder Fortschritte bei seiner Arbeit erzielte, sagte er sich oftmals: "Das musst Du unbedingt der Mami erzählen." Kurze Zeit später fiel ihm dann ein, dass es Mami nicht mehr gibt. Sie war tot.

 

Alexander träumt oft von seiner Mutter. Auch heute noch. In seinen Träumen lebt sie und es geht ihr inzwischen besser. Er war optimistisch, hatte lange Zeit noch gehofft, und so spiegeln seine Träume seinen Optimismus und seine Hoffnung wieder. Ich stelle es mir schrecklich vor, nach solchen Träumen wach und mit der Realität konfrontiert zu werden.

 

Er war und ist unheimlich tapfer, lässt sich seinen Schmerz nicht ansehen. Ich hingegen schäme mich der vielen Tränen nicht, die ich schon ob des großen Verlustes geweint habe und noch weinen werde.

 

In den vielen Jahren unserer Ehe ist meine Frau

ein so selbstverständlicher Bestandteil

meines Lebens geworden, dass ich mich

durch ihren Tod regelrecht amputiert fühle.

 

Meine Frau war Katalysator und Stabilisator meines Lebens.
Wer weiß, ob ich ohne sie so viel erreicht hätte.

 

Weitere Zitate von Achim Reichert auf Aphorismen.de

 

 

 

Zuletzt aktualisiert am 03. November 2018.